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con id 09, 2009 
„Constructing Identities 06/09“
weiter führende Serie von Acrylbildern / Leinwand 

Muß man die in Wien lebende Malerin Judith Baum als späte Nachkommin der „Peintres de la vie moderne“ verstehen, Degas, Manet, Morisot, die im 19. Jahrhundert als erste das wirkliche Leben in der Großstadt zum Thema ihrer Kunst erhoben hatten? 

Poe hatte 1840 in seiner berühmten Kurzgeschichte „The Man in the Crowd“ geschildert, wie ein Flaneur in einem Londoner Café die an ihm vorüberziehenden Menschenmenge mit beinahe anthropologischem Interesse analysiert, um dann schließlich einen besonders auffälligen, keiner erkennbaren sozialen Schicht zugehörigen Mann stundenlang zu verfolgen, bis er ihn in der Menge verliert. 

Ähnlich den Impressionisten fängt Baum das Treiben von Passanten in New York City in zufällig wirkenden Bildausschnitten ein; auch sie folgt einer besonders auffällige Passantin: eine junge blonde Frau mit knöchellanger roter Hose. In der Serie „Constructing Identity“ von 2006, zumeist an den großen Querformaten erkennbar, läßt sich die Verfolgung dieser jungen Frau rekonstruieren. 

Ausgangspunkt war ein Video-Projekt, das die Künstlerin 2004 in Auseinandersetzung mit der französischen Künstlerin Sophie Calle in New York unter dem Titel „She did“ drehte. Später am Schneidetisch wurde sie von einigen Stills zur Serie „Constructing Identity“ inspiriert und erlebte die Verwandlung der Standbilder in Malerei als „Entschleunigung“. Dieses Ineinanderwirken von Action, Videoarbeit und Malerei zeichnet die Kunst Baums aus, wie auch in anderen Projekten sichtbar, zuletzt in „Final Casting“ (2008) oder „Faun in Town“ (2007). 

Der Focus ihres künstlerischen Blicks richtet sich nicht auf eine ganze Person, sondern nur auf eine rote Hose; diese identifiziert eine anonyme junge Frau als selbstbewußt, zielstrebig und von gewisser erotischer Ausstrahlung; ihre packende Dynamik äußert sich in einer liquiden großzügigen Malweise, die mit wirkungsvollen Kontrasten von Helldunkel und komplementärer, satter Farbigkeit arbeitet. Hierbei verstärkt Baum gern Effekte von Überblendungen und Unschärfen, die sich aus der Arbeit mit dem Medium des Videos ergeben. 

Bemerkenswert ist insgesamt Baums unprätentiöse Rückkehr zur Figuration: Ihre Großstadtbilder erzählen nicht zuletzt mittels des Gestus der beobachteten Frauen etwas von der allgegenwärtigen positiven Lebensenergie, von der vibrierenden Vitalität einer Metropole, die von den Bildern geradezu auf den Betrachter überspringt. Die Frau wartet mit anderen an einem Zebrastreifen, überquert eine Straße und steuert unbeirrt und zugleich gedankenverloren auf ein unbekanntes Ziel zu. In der 2009 erweiterten Serie sind auch andere junge Frau mit roter Hose zu erkennen, mit Turnschuhen, im Supermarkt, beim Telefonieren etc; oder zu zweit synchron mit einem jungen Mann. 

Jeder kennt diese Situation, Judith Baum aber vermag die Magie und die Power dieses selbstvergessenen und doch so selbstbewußten Schwimmens eines Einzelnen im Strom der Menge in starken optimistischen Bildern darzustellen und gibt damit unbeabsichtigt eine ganz aktuelle Neuinterpretation der künstlerisch revolutionären Ideen aus dem Paris des vorletzten Jahrhunderts. …
Felix Billeter